Quelle: Steinheimer Nachrichten; Donnerstag, den 27. April 2000
Interview mit Alexander Strobel
Mitherausgeber des Internetangebots www.standhaft.org

 Wie sind sie als junger Mensch dazu gekommen, sich mit dem Terror des Nationalsozialismus zu befassen?

1998 gab es eine Ausstellung in Rathaus in Nürnberg. Bei einer begleitenden Podiumsveranstaltung haben mich die Referate der Historiker und deren Spurensuche fasziniert. Ich erhielt damals eine Pressemappe mit den Lebensberichten einiger Zeitzeugen. Im Internet fand ich viel über den Holocaust an den Juden, aber sehr wenig über die Opfergruppe der Bibelforscher, wie Jehovas Zeugen damals hießen. Meine persönlichen Eindrücke von der Veranstaltung und einige dort erhaltene Infos habe ich dann im Internet veröffentlicht.

Nun ist "Standhaft.org" inzwischen zu einem riesigen Archiv angewachsen. Uns ist kein vergleichbares Angebot bekannt. Wie kam es dazu?

Durch das große öffentliche Interesse. Schon in den ersten drei Tagen hatte ich mehr als dreihundert Zugriffe auf die Informationen zur Nürnberger Ausstellung. Anfang 1999 haben dann die Veranstalter einer ähnlichen Ausstellung in Bremen angefragt, ob ich Informationen über die dortige Veranstaltung ebenfalls im Internet veröffentlichen würde. Das zugesandte Material war so umfangreich, dass es sich als Grundstock für ein Archiv zur Online-Recherche anbot. Journalisten, Geschichtsinteressierte, Studenten aber auch Wissenschaftler sollten hier alles angeordnet vorfinden, was an Informationen zu diesem Thema verfügbar ist. Zusammen mit einigen Gleichgesinnten, mit denen ich bereits in Verbindung stand, besprach ich die Idee. Wir haben dann Kontakt zu Historikern aufgenommen und konnten sie zur Mitarbeit gewinnen. Das Ergebnis sehen sie im Internet unter www.standhaft.org.

Sie machen das ja nun nicht mehr alles alleine. Wer steht hinter den Projekt "Standhaft.org"?

Die Redaktion besteht inzwischen aus sieben Personen. Zwei davon sind wissenschaftlich arbeitende Historiker. Hans Hesse aus Göttingen und Dr. Hubert Roser aus Karlsruhe (vielen bekannt von der Ausstellung in Murr), die sich u. a. mit der Aufarbeitung der Geschichte von Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime und in der DDR beschäftigen. Als eines ihrer Veröffentlichungsmedien nutzen sie Standhaft.org. Durch ein dort eingerichtetes Forum erhalten sie zusätzliche Informationen, die sie für ihre Arbeit nutzen können.

Können Sie zu diesem Forum noch etwas mehr sagen?

Gerne. Wir haben hierzu einen Bereich in "Standhaft.org" eingerichtet, in dem Themen aus der Geschichte der Zeugen Jehovas im sogenannten Dritten Reich angesprochen werden, zu denen die historischen Belege noch sehr gering sind. Das soll als Anstoß dienen, die Informationen zu erweitern. Jeder Beitrag wird hier gerne entgegengenommen. Dieses Forum nutzen die Historiker als Informationsquelle für künftige Forschungsprojekte. Sie erreichen dadurch viele Menschen und sehen im vornhinein an der Reaktion, ob Interesse an einem Forschungsprojekt besteht. Auch können sie sich hier mit anderen Historikern austauschen.

Was ist das Ziel und was ist die Botschaft, die Ihr Internetprojekt verfolgt?

Ich möchte betonen, dass unser Projekt keine Verbindung zur Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas hat und auch keine Glaubensinhalte vermitteln möchte.
Zum einen möchten wir bereits Erforschtes jederzeit zugänglich machen, damit sich jeder über die Verfolgungsgeschichte der Zeugen Jehovas informieren kann, andererseits möchten wir auch dazu anregen, selber nachzuforschen und die Veröffentlichungen mitzugestalten.

Herr Strobel, da Sie in dieser Materie gut bewandert sind, die Frage: Was sollte man Ihrer Meinung nach aus den Geschehnissen lernen, die Sie und Ihr Team dokumentieren?

Heute nehmen Ausländerhass und Terror gegen Randgruppen wieder zu. Der Nationalsozialismus wird verharmlost und rechtsradikales Verhalten von Teilen der Bevölkerung wird entschuldigt, teilweise sogar gutgeheißen. Aber Intoleranz und Extremismus dürfen nicht wieder auflodern. "Nie mehr wieder!" sollte deshalb auch nach dieser Ausstellung die Devise sein. Gerade wir jungen Menschen sollten uns fragen, ob wir die gleiche Zivilcourage hätten wie die Zeitzeugen, die damals in unserem Alter waren. Ich frage mich oft: "Hätte ich damals weggeschaut, oder hätte ich auch Widerstand geleistet? Wie hätte ich reagiert?"

Interviewer: Robert Deotto, Pressesprecher von "Jehovas Zeugen Marbach/Nord"

Internetadressen: http://www.standhaft.org (hier finden Sie auch Informationen zur bereits gezeigten Ausstellung im Murrer Rathaus- und Bürgersaal)

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