Filmpremiere in Berlin: Das Mädchen mit dem lila Winkel
Ein kleines Boot mit moralischem Wegerecht

BERLIN. Sicher – es gibt sie schon zahlreich, die Filme und Bücher zum Nationalsozialismus mit seinen unseligen Facetten. Auch zur Verfolgung der Zeugen Jehovas während jenes dunklen Kapitels deutscher Geschichte wurde in den vergangenen Jahren an Aufarbeitung Beachtliches geleistet. Trotzdem: Dieser neue Film musste sein. Dessen war sich Fritz Poppenberg aus Berlin sicher, der schon einige Filmprojekte den ehemals als „Ernste Bibelforscher“ Titulierten gewidmet hat. Der große Saal der Berliner Urania war mit über 750 Besuchern bei der Vorstellung seines neuesten Werkes, der Produktion „Das Mädchen mit dem lila Winkel“, fast komplett besetzt.

Ein Rückblick: Begonnen hat die Geschichte der Aufarbeitung nicht „im Land der Täter“, sondern im United Holocaust-Memorial-Museum in Washington Anfang der 90er Jahre. Von dem damals stattfindenden Symposium ging die Aufforderung an Historikerkreise, Filmemacher und die Religionsgemeinschaft selber aus – solange Zeit dazu wäre – Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen. Und das Washingtoner Museum unterstütze auch jetzt die Filmpremiere Fritz Poppenbergs mit dem Besuch einer seiner Projektleiter, Robert Buckley. Dieser bekräftigte in seinem Grußwort eine spezielle „Schwierigkeit“ bei der Aufarbeitung mit den Bibelforscher-Zeitzeugen: „Zeugen Jehovas stellten bei unserer Arbeit im Grunde einen Sonderfall dar. Sie wollten sich nicht in den Mittelpunkt stellen und empfanden ihr Verhalten als nicht so außergewöhnlich. Es kostete uns einige Überzeugungsarbeit.“ Ein Umstand, den Fritz Poppenberg nur bestätigen konnte. Denn seine Protagonistin, Hermine Schmidt, hatte sich lange gegen das Filmprojekt gesträubt. Der Appell an ihre Verantwortung, das Erlebte für die Nachwelt und die jüngere Generation zu erhalten, konnte sie schließlich umstimmen. Poppenberg benutzte dazu ein Bild aus der Schifffahrt. Das Wegerecht zu haben bedeute da, den Kurs zu halten – ungeachtet dessen, welches noch so große Wasserfahrzeug die Regel verletzt und vielleicht auf das kleinere Boot zusteuert. „Im Falle der Zeugen Jehovas hat das kleine Boot der Religionsgemeinschaft die christliche Moral weiter verfolgt und Kurs gehalten, ist vom großen Nazi-Schiff Leck geschlagen und arg beschädigt worden, aber letztlich doch über Wasser geblieben – sogar mit größerer Besatzung als vorher. Das Nazi-Schiff – einst so stolz - ging dagegen unter.“ Dass christliche Moral auch unter widrigen Umständen zu bewahren möglich sei, gelte es zu dokumentieren und für kommende Generationen festzuhalten. Das Medium Film biete dazu eine gute Möglichkeit.

Hermine Schmidt war erst 17, als die Nazi-Schergen zuschlugen. Sie gehört zu den jüngsten noch lebenden Zeitzeugen und vermochte immer wieder mit großer Vitalität und Ausstrahlung über ihr damaliges Geschick zu reden, es zu bezeugen. So sei auch dieser Film eine wichtige Dokumentation; Wolfram Slupina von der Wachtturm-Gesellschaft bekräftigte dies nachdrücklich. Denn die Reihen derer, die die Ereignisse zu bezeugen vermögen, lichte sich immer weiter. Die anschließende Filmvorführung überzeugte – durch „leise Töne“. Poppenberg lässt darin Szenen spielen, die zuvor die „heutige“ Hermi erzählt. So, wie es vor ihrem inneren Auge offenbar lebendig wird, inszeniert der Berliner die Episoden in einfühlsamer Weise. Das stundenlange Stehen an der Barackenwand nach der Einlieferung ins KZ Stutthof– mit dem ängstlichen Blick zur Barackenwand. Die ständigen Konfrontationen mit der schikanösen Aufseherin, die sie etwa die verstopften Toilettentöpfe mit den bloßen Händen durchstoßen lässt. Die impulsive Ohrfeige der 17-Jährigen als Antwort auf die Zudringlichkeit eines SS-Mannes. Und ihre Angst, nun wie die vielen Tausend anderen, durch den Schornstein das KZ zu verlassen. Andererseits aber: der feste Glaube an ihren Gott Jehova, der sie stützt und vor totaler Verzweiflung bewahrt. Der liebevolle Zusammenhalt der Bibelforschergruppe im KZ, der ihr letztlich nicht nur das körperliche, sondern vor allem das psychische Überleben ermöglicht. Der Film arbeitet nicht mit dem drastischen Inszenieren von Grausamkeiten und lässt einen gerade deshalb nicht kalt. Der Dramatik einer spektakulären Evakuierung des KZ – die Alliierten sollten die halb verhungerten Häftlinge nicht finden – konnte sich letztlich kein Zuschauer im Filmsaal entziehen: Nur knapp verpasst der Häftlings-Tross die „Gustloff“, und damit das sichere Grab im Meer. Die Fahrt mit den nicht seetüchtigen Frachtkähnen zwischen meterhohen Ostseewellen gerät aber ebenfalls zum Roulette um Leben und Tod. Typhus breitet sich aus, Halbtote werden einfach über Bord geworfen. Nach einer Odyssee strandet der Kahn an der dänischen Insel Mön. Einige der Häftlinge überleben die Rettung nur um Tage. Hermi Schmidt kommt in den zwei Jahren der dänischen Internierung wieder zu Kräften.

Sie „segelt“ bis heute zusammen mit ihrem Ehemann Horst weiter mit dem „Bibelforscher-Boot“, das in rauher See damals die Kollision mit dem Nazi-Giganten überlebt hat. Das Gefühl für die Einmaligkeit solcher Dokumentationen und das damit verbundene Geschenk an die später Geborenen lag in Berlin förmlich in der Luft.

Christiane Willsch, Freie Journalistin,
Berlin, 6. September 2003

siehe auch:

"Das Mädchen mit dem lila Winnkel" - Drei Linden Filmproduktion
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Uraufführung am 6. September 2003
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Biographie Hermine Schmidt
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v.l.n.r.
Robert Buckley, U.S. Holocaust Memorial Museum, Washington, USA
Hermine Schmidt, Zeitzeugin
Fritz Poppenberg, Regiseur und Produzent, Berlin
Lone Bordinggaard, Übersetzerin, Bornholm
Foto: Mike Albien




v.l.n.r. (Vor der Urania, Berlin)
Robert Buckley, U.S. Holocaust Memorial Museum, Washington, USA
Hermine Schmidt, Zeitzeugin
Fritz Poppenberg, Regiseur und Produzent, Berlin
Lone Bordinggaard, Übersetzerin, Bornholm
Foto: Mike Albien




Der große Saal der Berliner Urania war mit über 750 Besuchern, fast komplett besetzt.
Foto: Mike Albien
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