Quelle: Berliner Tagesspiegel, Freitag, 17. September 1999, Seite 31

Der Zeuge

Am 15. September 1939 wurde um 17 Uhr auf dem Appellplatz des KZ Sachsenhausen ein Mikrofon an die Großlautsprecher angeschlossen. Ein Schießstand wird errichtet, eine Kiste aufgestellt. Eine Stunde früher als sonst kehren die Arbeitskommandos zurück. Nach dem Appell spricht Kommandant Baranowski: "Ich habe den Häftling Dickmann vor einer Stunde davon unterrichtet, dass sein elendes Leben um sechs Uhr ausgelöscht wird." Seine Worte sind bis nach Oranienburg zu hören. Das Protokoll wird verlesen: Der Delinquent habe gesagt, er unterschreibe seinen Wehrpass nicht, weil er sein Leben Gott hingegeben habe. Die SS-Schützen zögern, weil der 29-Jährige sie anschaut. Er muss sich zum Pfahl drehen. Die Salve trifft, er fällt nach vorn. Rudolf Höß, der spätere Kommandant von Auschwitz, tritt neben ihn, schießt mit der Pistole in seine Schläfe, Blut überläuft das Gesicht. Ein SS-Mann nimmt dem Toten die Handschellen ab. Am 16. 9. wird die erste öffentliche Hinrichtung eines Kriegsdienstverweigerers, von Heinrich Himmler exemplarisch angeordnet, mehrfach im Radio gemeldet. In deutschen Zeitungen erscheint eine Mitteilung des Reichsführers SS zur Erschießung des "Volksschädlings", der sich aus fanatischen Glaubensgründen geweigert habe, "seine Pflicht als Soldat zu erfüllen". Bereits am 17. 9. steht in der New York Times, der "erste Verweigerer aus Gewissensgründen" sei ein Zeuge Jehovas gewesen.

Die Ermordung des Verweigerers wirkt aus bundesrepublikanischer Perspektive wie ein fernes Schauerstück. Das Grundrecht, den Waffendienst abzulehnen, gehört zu unseren ersten Bürgerrechten. Die Bundeswehr propagiert nicht blinden Gehorsam, sondern den Gewissensprimat der "Inneren Führung". Wer sich als Soldat weigerte, zum Beispiel gegen Serbien zu kämpfen, würde dadurch nicht vogelfrei. Dennoch steht die offizielle Bereitschaft des Militärs, individuelle Gewissen zu achten, im Kontrast zur praktischen Anforderung der Schlagkraft: Apparate müssen vor allem funktionieren. Dass dieser Staat sich weiterhin schwer damit tut, Deserteure des verbrecherischen Weltkriegs zu rehabilitieren, verwundert kaum; das entsprechende Gesetz von 1997 war ein Kompromiss, schloss Vorbehalte aufgrund kombinierter Unehrenhaftigkeit (Diebstahl und Fahnenflucht) ein, regelte Entschädigungen nicht; Gegenstimmen im Parlament folgten auch dem Wunsch, die "Würde des deutschen Soldaten" zu schützen. Im Berliner Bendler-Block, den demnächst der Verteidigungsminister bezieht, ehrt man die Hitler-Attentäter des 20. Juli, fahnentreue Offiziere; eine Ehrung der Deserteure darf die Armee sich nicht leisten. Für jeden Apparat und den Korpsgeist, seine corporate identity, bleibt die demokratische Utopie des eigenständigen Individuums ein Risiko. Insofern war der Sägewerksarbeiter und Hobby-Fußballer August Dickmann aus Dinslaken, dem seine Frau mit der Post verhängnisvollerweise den Wehrpass ins KZ nachschickte, ein gefährlicher Mann. Er hatte eine andere Instanz. Wer seine Überzeugung oder nur sein Leben mehr liebt als er sich fürchtet vor Gruppendruck, Feldpolizei und Kriegsgericht, den kann der Apparat nur schlecht oder gar nicht gebrauchen: so jedenfalls war das im XX. Saeculum, der Ära totalitärer Systeme. Wie aber soll der Einzelne in den heraufziehenden Verteilungskämpfen des XXI. Jahrhunderts seinen Gewissensluxus behaupten - gegen den Anspruch der großen, auf Reibungslosigkeit eingestellten Apparate?

Gewissen ist kein Habitus, sondern der Kern der Identität und deshalb, vielleicht, das Glück im Unglück. Morgen wird in der Gedenkstätte Sachsenhausen eine Tafel eingeweiht, die an einen einfachen Mann erinnert, einen Verweigerer, der bis zum Tod (nicht nur Intellektuellen dürfte das aufstoßen) den strengen Sektenlehren der Zeugen Jehovas folgte. Ein Zeuge, gleichwohl - gegen das totalitäre Jahrhundert. Der Held einer andern Instanz. (Thomas Lackmann)

 
zurück zu der StartseiteWo findet die nächste Veranstaltung statt?Allgemeine InformationenBücher, Videos, Links zu dieser ThematikBiographien, Beiträge von Historikern, ...Informationen über die Autoren dieser Webseitezurück zu der StartseiteZurück zu Übersicht

START | FORSCHUNG | MEDIEN | EVENTS | INFOS
-  © 2000 by STANDHAFT.ORG -