Biographie von Josef Rehwald

Einige Jahre vor meiner Geburt im Jahre 1911 wurden meine Eltern Zeugen Jehovas - damals als „Ernste Bibelforscher" bekannt . Meine Mutter nahm meine drei Brüder, meine zwei Schwestern und mich häufig mit zu den Zusammenkünften der Zeugen Jehovas. Im Laufe der Zeit hörte mein Vater auf, als seinen Glauben zu praktizieren. Auch für meine Schwester Lisbeth und mich verlor die neugewonnene Erkenntnis aus der Bibel an Bedeutung.

Doch dann trat ein Wendepunkt ein. Ich war Anfang zwanzig, als Hitler an die Macht kam. Zu dieser Zeit arbeitete ich in einer großen Autoreparaturwerkstatt in Königsberg (Ostpreußen). Der Hitlergruß wurde eingeführt, und ich erhielt die Aufforderung, an einer paramilitärischen Ausbildung teilzunehmen. Jetzt musste ich mich entscheiden:
Auf welcher Seite wollte ich stehen! Ich wusste sehr wohl, dass ´Heil´ also ´Rettung´ nicht von Hitler, sondern nur von Jesus Christus zu erwarten sei. Mein Entschluss lautete daher: Verweigerung des Hitlergrußes und Absage der paramilitärischen Ausbildung.

Als dann 1936/37 meine Mutter, meine Schwester Helene und zwei meiner Brüder wegen Ausübung ihres Glaubens verhaftet wurden, bestärkte mich dies zusätzlich, für meine Überzeugung Stellung zu beziehen. Genauso erging es meiner Schwester Lisbeth. Aufgrund meiner Weigerung, den Militärdienst zu leisten, wurde ich in Rastenburg zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Ich kam in Einzelhaft ins Gefängnis Stuhm (Westpreußen). Kurz danach traf ich in diesem Gefängnis meine drei Brüder wieder, die ebenfalls dort inhaftiert waren.
Nach Ende meiner Haftzeit wurde ich wiederholt von der Gestapo verhört und kam schließlich - weil ich an meiner Überzeugung festhielt - ins Konzentrationslager Sachsenhausen. Als im September 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach nahm auch hier der Druck zu. Um uns zum Militärdienst zu zwingen, statuierte die SS ein Exempel an unserem christlichen Bruder August Dickmann: Er wurde am 19. September 1939 von einem Erschießungskommando als erster Wehrdienstverweigerer hingerichtet. Doch keiner der anwesenden Zeugen Jehovas unterschrieb eine vorbereitete Erklärung der SS, durch er seinen Glauben verleugnet hätte und somit in die Freiheit entlassen werden konnte.

Im Februar 1940 wurden Siebzig von uns in das KZ Wewelsburg bei Paderborn verlegt. Dort gab es noch weniger zu essen, und die Arbeit im Steinbruch war noch härter. An manchen Tagen waren wir von Regen und Schnee völlig durchnässt. Doch schließlich bekam ich Arbeit in der Schmiede des Lagers.

Dort waren die Essenrationen etwas größer und wir hatten auch biblische Literatur: Zeugen Jehovas, die aus Buchenwald hier her kamen, hatten sie eingeschmuggelt. Von diesen  Zeugen aus Buchenwald wurden 26 für den Militärdienst gemustert und verschiedenen Einheiten zugeteilt. Auf ihre Weigerung hin wurden sie aufs grausamste behandelt und gequält, doch alle blieben standhaft und überlebten.
Hier in Wewelsburg erfuhr ich durch meine Schwester Lisbeth, dass mein Bruder Ernst nach vier Jahren Gefängnis am 12. Juli 1941 in Berlin enthauptet wurde. Am 1. Februar 1943 wurden dann mein Bruder Hans bei Quednau bei Königsberg erschossen, nachdem er fünf Jahre im Gefängnis verbracht hatte. Sein unerschütterlicher Glaube - er erbat sich als letzten Wunsch ein lautes Gebet sprechen zu dürfen - beeindruckte die Soldaten im Erschießungskommando so sehr, dass sie, in ihrem Gewissen tief berührt, den Befehl verweigerten. So kam es, dass der kommandierende Offizier den Befehl eigenverantwortlich ausführte.

Im April 1943 kam ich nach Ravensbrück, wo es auch ein kleines Männerlager gab. Hier traf ich meine Mutter, meine Schwester Helene und die Frau meines hingerichteten Bruders Hans wieder. Einmal noch konnte ich heimlich mit meiner Mutter sprechen; sie starb einige Tage nach der Befreiung durch die Russen am 5. Mai 1945, noch im Lager lebend. Ich selbst wurde dann bei Kriegende am 30. April 1945 aus dem Männerlager evakuiert und kam dann  frei. In Schwerin traf ich meinen Bruder Paul wieder, der den Todesmarsch von Sachsenhausen und andere Torturen überlebt hatte. Wir fuhren zusammen mit dem Zug nach Berlin, wo wir bei einer Familie, die ebenfalls Zeugen Jehovas waren, gastfreundlich aufgenommen wurden.
Zusammengerechnet haben die sechs Glieder unserer Familie, die verhaftet waren, dreiundvierzig Jahre in Haft zugebracht, zwei wurden hingerichtet. Auch meine Schwester Lisbeth hielt an ihrer Überzeugung bis zu ihrem Tod im Fahre 1945 treu fest. Heute lebe ich mit meiner Familie in Berlin und bin nach wie vor ein aktiver Zeuge Jehovas.

 

Quelle:

Regionaler Informationsdienst der Zeugen Jehovas in Bremen;
Pressemappe zur Ausstellung "Standhaft trotz Verfolgung", 1997, 1999

Literaturhinweise:

Der Wachtturm verkündigt Jehovas Königreich,
Hrsg.: Wachtturm Bibel- und Traktat- Gesellschaft, 01.05.97 Seite 27;

Erwachet,
Hrsg.: Wachtturm Bibel- und Traktat- Gesellschaft,  08.02.93 Seite 20-23;

Jehovas Zeugen. Menschen aus der Nachbarschaft. Wer sind sie?,
Hrsg.: Wachtturm Bibel- und Traktat- Gesellschaft, Deutscher Zweig. Selters(Taunus), 1995,  Seite 18;

Lila Winkel die "vergessenen Opfer" des NS-Regimes. Die Geschichte eines bemerkenswerten Widerstand.
Begleitheft zur Ausstellung, Hrsg.: Wachtturm Bibel- und Traktat- Gesellschaft, Selters (Taunus), Seite 28, Bild 7;

Presseinformation zum Video "Standhaft trotz Verfolgung - Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime", vom  6.November 1996,
Hrsg.: Informationsdienst der Zeugen Jehovas, Selters.

Sandvoß, Hans - Rainer, Widerstand in Pankow und Reinickendorf - Band 6 der Schriftenreihe über den Widerstand in Berlin von 1933 bis 1945
(Hrsg.: Gedenkstätte Deutscher Widerstand), 2.unverändert und ergänzte Auflage, 1994, Seite 205;

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