Verfolgung, Schläge und Verhaftungen während der NS-Zeit -
selbst Kinder und Jugendliche sind betroffen

Von Hermine Schmidt, Mühlheim/Ruhr
Bild: Veranstaltung Nürnberg

Im Jahre 1919 - also schon lange vor meiner Geburt im Jahre 1925 - fand meine Mutter das, wonach sie so lange suchte und auch als Diakonisse nicht fand: Nämlich die Antwort auf all ihre biblischen Fragen. Und so wurden meine Eltern begeisterte "Ernste Bibelforscher", also Zeugen Jehovas und ich wuchs in einem sehr glücklichen und sonnigen Elternhaus auf. Unser Heim, dessen Tür als Geschäftshaus immer offen war, wurde zum Anziehungspunkt für viele aufrichtige und gute Menschen. Diese Menschen, die ich liebte und die mich mit prägten, wurden in der Hitlerzeit verhaftet, verschleppt und ermordet. Es gab viele Hausdurchsuchungen bei uns; und jedes Mal, wenn ein Auto vor unserer Tür stand, blieb mein Kinderherz vor Angst und Schrecken fast stehen, dass die Eltern nun mitgenommen worden seien. Im Alter von 7 Jahren begann diese Angstpsychose.

Es setzte ohrfeigen, wenn man Lehrern begegnete und nicht "Heil Hitler" sagte. Es war für die Eltern in Deutschland damals sehr schwer, ihre Lieblinge unter diesem schweren Gewissensdruck derart leiden zu sehen. Trotz bester Zeugnisse war der Besuch einer höheren Schule ganz ausgeschlossen. Alle Schikanen und das Unverständnis der meisten Lehrer zu beschreiben, ist ein trauriges Kapitel. Nach schwerer Gelbsucht und völliger Erschöpfung durch das von Hitler eingeführte "Pflichtjahr", kam ich in die Versicherungs-Kaufmanns-Lehre. Im 3. Lehrjahr, im Alter von 17 Jahren (mit 16 Jahren wurde ich als Zeuge Jehovas heimlich in der Badewanne getauft), kam die Verhaftung. Unser Hausarzt sagte voraus, dass ich dies nicht eine Woche überleben würde. Meine Kraft aber kam aus dem Geistigen und die Freude in Jehova war immer meine Stärke.

Den Sommer 1943 erlebte ich auf dem mittelalterlichen Gestapo-Turm in Danzig. Meine Eltern waren in anderen Zellen. Die Zustände waren unbeschreiblich. Schlimmer noch die stundenlangen nächtlichen Kreuzverhöre, von Lampen geblendet. Besonders ein Gestapo-Beamter schäumte vor Wut, dass er keine anderen Aussagen erarbeiten konnte, und das von einen so jungen Mädchen. Einmal kam die Leiterin des Jugendamtes in meine enge Zelle, in der festen Überzeugung, mich umstimmen zu können. Sie verließ mich mit Tränen in den Augen und war mir danach sehr zugetan. Dann wurden wir der Justiz überstellt. Dort wollte mich der Untersuchungsrichter noch einmal schocken und zum Verrat an meinen Glaubensbrüdern bringen. Nach einem halben Jahr Untersuchungshaft, standen wir zwei Tage lang vor dem großen Sondergericht. Meine Mutter kam ins Zuchthaus, mein Vater ins Gefängnis und ich letztendlich ins Vernichtungslager Stutthof. Hier endeten zwar die qualvollen Verhöre, aber die grauenvolle Trostlosigkeit dieses Lagers rollte mir wie ein Mühlstein auf die leere Magengrube. Auch dachte man sich, Jehovas Jüngste verspottend, besonders eklige und erniedrigende Strafarbeiten aus. Ein langes und schweres Jahr habe ich all die unvorstellbaren Leiden dort gesehen und erlebt. All das Grauen, das man am Anfang glaubte nicht ertragen zu können. Dies ist ein Brandmal für das ganze Leben, es ist da, auch wenn man meint, es vergessen zu haben.

Am 05.05.1945 wurden wir in Dänemark befreit und durch die Liebe unserer Glaubensbrüder dort, kamen wir wieder zu Kräften. Freiwillig gingen wir dann wieder hinter Stacheldraht, um unseren Landsleuten in den Flüchtlingslagern helfen zu können. Das war für uns sehr hart und leider waren die meisten Herzen es auch. Trotzdem habe ich dort vielen jungen Menschen, auch meinem Englischlehrer zu einer Erkenntnis der biblischen Wahrheit verhelfen dürfen, was mich sehr glücklich macht. Nach fast 4 Jahren Trennung, fand sich die Familie 1947 in Potsdam wieder zusammen. Ich heiratete den Kurier, der uns damals in Danzig besuchte und zum Tode verurteilt war. Unsere Tochter wurde 1949 geboren und mit unserer Enkeltochter wäre es dann die 5. Generation, die sich bemüht, Jehova dem allein wahren Gott zu dienen.

Quelle:

Regionaler Informationsdienst der Zeugen Jehovas in Bremen;
Pressemappe zur Ausstellung "Standhaft trotz Verfolgung", 1997, 1999

DÖW - Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes
Die Zeitzeugen Hermine und Horst Schmidt berichteten anlässlich der Österreich-Premiere der Videodokumentation "Standhaft trotz Verfolgung - Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime" am 18. Juni 1997 über ihre Verfolgung.

Die gerettete Freude
Autobiographie von Hermine Schmidt

Film:

"Das Mädchen mit dem lila Winkel" - Drei Linden Filmproduktion
weitere Informationen und Bestellmöglichkeit zu diesem und anderen Videos

Uraufführung am 6. September 2003
Veranstaltungshinweis

Artikel über die Uraufführung am 6. September 2003 in der Urania, Berlin
Christiane Willsch, Freie Journalistin

Literaturhinweise:

Der Wachtturm verkündigt Jehovas Königreich,
Hrsg.: Wachtturm Bibel- und Traktat- Gesellschaft, 01.03.87 Seite 22;

Jehovas Zeugen. Menschen aus der Nachbarschaft. Wer sind sie?,
Hrsg.: Wachtturm Bibel- und Traktat- Gesellschaft, Deutscher Zweig. Selters (Taunus), 1995,  Seite 19,

Lila Winkel die "vergessenen Opfer" des NS-Regimes. Die Geschichte eines bemerkenswerten Widerstand.
Begleitheft zur Ausstellung, Hrsg.: Wachtturm Bibel- und Traktat- Gesellschaft, Selters (Taunus), Seite 27, Bild 1;

Presseinformation zum Video "Standhaft trotz Verfolgung - Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime", vom  6.November 1996,
Hrsg.: Informationsdienst der Zeugen Jehovas, Selters.

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