Zum Tode verurteilt - weil er lebte, was er predigte
von Horst Schmidt, Mühlheim/Ruhr

Geboren wurde ich am 14. August 1920. Aus mir nicht bekannten Gründen, gaben meine Eltern mich früh zu meiner Großmutter. Als diese verstarb - ich war ca. 3 Jahre alt - kam ich zu meiner leiblichen Tante, der Schwester meiner Mutter, zu Emmy Windhorst. Diese heiratete im Jahre 1926 Richard Zehden. Sie waren es, die mir die Grundlage für das Leben gaben und ich sehe sie als meine Eltern bzw. Pflegeeltern an.

Ungefähr im Jahre 1932 kamen wir mit Zeugen Jehovas in Berührung. Meine Pflegeeltern hatten versucht, für mich das Sorgerecht zu erhalten, was nicht gelang, weil Richard Zehden Jude war. Ein arisches Kind durfte nicht von einem Juden erzogen werden. Ich sollte nun also zu meinen Eltern bzw. in eine Erziehungsanstalt gebracht werden. Dieser Tatsache entzog ich mich immer wieder und so begann mein illegales Leben. Im Jahre 1935 wurden wir als Zeugen Jehovas getauft. Damals fanden in unserer Wohnung in Berlin noch kleinere Versammlungen statt, aber die Gestapo machte zunehmend Schwierigkeiten. Mein Pflegevater wurde neun Monate in Haft gehalten. Ich war nun älter geworden und setzte mich aktiv für die Glaubensbelange ein. Als Kurier war ich auf weiten Strecken unterwegs und konnte mich immer wieder einer drohenden Verhaftung entziehen.

In Jahre 1942 wurden meine Pflegeeltern verhaftet. Mein Pflegevater wurde in ein KZ gebracht. Meine Mutter wurde vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Ich selbst wurde im Juni 1943, während meines Kurierdienstes, zusammen mit meiner späteren Frau und deren Eltern, in Danzig verhaftet. Nach meiner Überführung durch die Gestapo nach Berlin, war ich dort anfänglich in deren Gefängnis Alexanderplatz, dann im Untersuchungsgefängnis Moabit und anschließend im Strafgefängnis Tegel. Am 30.11.1944 wurde ich von 4. Senat des Volksgerichtshofes wegen Wehrdienstentziehung, Wehrkraftzersetzung und illegaler Betätigung in der Internationalen Bibelforscher-Vereinigung zum Tode verurteilt. Von diesem Augenblick an, in Fesseln liegend, wurde ich zur Vollstreckung nach Brandenburg-Göhrden gebracht und dort am 27.04.1945 von den Russen befreit.

Quelle:

Regionaler Informationsdienst der Zeugen Jehovas in Bremen;
Pressemappe zur Ausstellung "Standhaft trotz Verfolgung", 1997, 1999

DÖW - Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes
Die Zeitzeugen Hermine und Horst Schmidt berichteten anläßlich der Österreich-Premiere der Videodokumentation "Standhaft trotz Verfolgung - Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime" am 18. Juni 1997 über ihre Verfolgung.

Literaturhinweise:

Horst Schmidt, "Der Tod kam immer montags"
Hans Hesse, Klartext-Verlag, 2003

Jehovas Zeugen. Menschen aus der Nachbarschaft. Wer sind sie?,
Hrsg.: Wachtturm Bibel- und Traktat- Gesellschaft, Deutscher Zweig. Selters(Taunus), 1995,  Seite 19;

Garbe, Detlef, "Zwischen Widerstand und Martyrium. Die Zeugen Jehovas im "Dritten Reich" (Studien zur Zeitgeschichte Band 42)",
R. Oldenbourg Verlag, München, 3.Auflage, 1997, Seite 341, 349;

Lila Winkel die "vergessenen Opfer" des NS-Regimes. Die Geschichte eines bemerkenswerten Widerstand.
Begleitheft zur Ausstellung, Hrsg.: Wachtturm Bibel- und Traktat- Gesellschaft, Selters (Taunus), Seite 19, Bild 40;

Presseinformation zum Video "Standhaft trotz Verfolgung - Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime", vom  6.November 1996,
Hrsg.: Informationsdienst der Zeugen Jehovas, Selters.

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