Grußwort von Dr. Henning Scherf
Bürgermeister der Freien- und Hansestadt Bremen
anlässlich der Eröffnung der Ausstellung "Die vergessenen Opfer" 
im Bürgerhaus Bremen-Vegesack am 9.9.1997 um. 18.30 Uhr.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, herzlich willkommen im Bürgerhaus in Vegesack, im Gustav-Heinemann-Bürgerhaus. 

(Applaus)

Die beiden, die hier jeden Tag ein- und ausgehen und für das Haus verantwortlich zeigen, die haben mir eben gesagt: "Also, soviel Andrang haben wir hier schon lange nicht mehr gehabt. Wir hätten eigentlich früher auf die Idee kommen müssen, den Zeugen Jehovas unser schönes Haus zu öffnen." 

(Applaus) 

Ich freue mich sehr, dass das gelungen ist, dass sie dieses große schöne Haus, das für alle gebaut ist und für alle offensteht, bei dieser wichtigen Ausstellung kennenlernen, und anders'rum ich freue mich sehr, dass das Bürgerhaus mit seinen vielen Aktiven, ehrenamtlich Aktiven, die ja die ganze Woche über ein- und ausgehen, und vieles für Vegesack und Bremen-Nord und auch für die Stadt tun, dass die merken, wie wichtig die Zeugen Jehovas in unserer Stadt und in unserer Gesellschaft sind, gerade, weil wir Anlas haben, an die vergessenen Opfer der Zeugen Jehovas in der Zeit nationalsozialistischer Terrorherrschaft von (19)33 bis (19)45 zu gedenken.

Ich komme selber aus einer Familie, die es während der Nazi-Zeit schlecht hatte, und ich weiß darum sehr genau, von vielen persönlichen Zeugen mir gesagt, welch' außerordentliches Zeugnis die Zeugen Jehovas in der Zeit der Verfolgung abgelegt haben.

Es ist überraschend, dass die Zeugen Jehovas, die waren insgesamt 10.000, die im Gefängnis, in Zuchthäusern und Konzentrationslagern allein ihres Glaubens wegen in der Nazi-Zeit gelitten haben und ein Teil von ihnen ist umgebracht worden. Diese Zeugen Jehovas sind den Opfern, den übrigen Opfern, den übrigen KZ-Häftlingen und den übrigen Verfolgten, völlig unabhängig, ob sie nun religiös oder nicht-religiös waren, sind tief in Erinnerung geblieben, weil sie in ihrem Zeugnis und in ihrer Bereitschaft, dem Nationalsozialismus die Stirn zu zeigen, so unerschrocken waren und eigentlich Mut hatten wie kaum ein anderer. 

Das hat sich an ganz vielem festgemacht. Die Zeugen Jehovas hätten eigentlich nur in der Nazi-Zeit unterschreiben müssen, dass sie die Autorität des Staates, der Nationalsozialisten, anerkennen, dann wären sie wieder 'rausgelassen worden. Das haben sie abgelehnt. Sie haben abgelehnt, 'Heil Hitler' zu sagen, weil ein Zeuge Jehovas sagt zu niemand anders 'Heil', schon gar nicht zu 'Heil Hitler,' außer dem, dem sie ihr Zeugnis gewidmet haben. Allein wegen dieser Tatsache, ist ja scheinbar klein, aber wenn's mit dem Tod bedroht, wenn man dafür umgebracht wird, dann erst zeigt sich, ob es wirklich ernsthaft ist, ja ob es wirklich unerschrocken ist, und ich weiß von vielen, dass die Zeugen Jehovas durch ihr unerschrockenes Bekenntnis ganz, ja ganz tiefen Eindruck gemacht haben, bei den anderen vorbildlich gewesen sind; und dann noch ein weiteres: Ich weiß von vielen Mithäftlingen, daß die Zeugen Jehovas auch immer wieder anderen geholfen haben, im Gefängnis, im KZ, in der Verfolgung, dass sie oft ganz anders sich verhalten haben als die Vorurteile der übrigen Gesellschaft über Zeugen Jehovas ja ist, das wissen sie ja alle besser als ich, daß sie in der Verfolgung, in der direkten Todesangst der anderen immer wieder Wege gefunden haben, Kraft gefunden haben, zu helfen.

Es gibt in Bremen einen ganz berühmten jüdischen Filmemacher, Karl Fruchtmann, ich weiß nicht, wer von ihm mal gehört hat, der selber in Dachau gesessen hat und der einem großen Publikum, Fernseh-Publikum und Film-Publikum bekannt ist, ist eigentlich der bekannteste Filmemacher hier in der Gegend, und der hat mir das selber erzählt, dass er als Häftling in Dachau, wusste vorher wenig über Zeugen Jehovas, von mit ihm eingesperrten Zeugen Jehovas auf diese Weise bewegt und, ja, ermutigt worden ist, und darum finde ich es eine besonders liebenswürdige Idee von ihnen, dass sie mich bei dieser Gelegenheit hierher geholt haben und dass ich als der Bürgermeister der ganzen Stadt und des ganzen kleinen Landes ihnen für diese außerordentliche Tat, für dieses  außerordentliche Zeugnis der nationalsozialistischen Terrorzeit meinen besonderen Dank sage. Ich finde, sie haben ein ganz unschätzbar hohes Erbe, und es gibt viel Anlass, das öffentlich zu machen. Diese Ausstellung ist eben eine solche Gelegenheit, es öffentlich zu machen. Danke sehr! 

(Applaus)

Ich will jetzt versuchen, an drei Namen, die ich bei der Vorbereitung mir hab' sagen lassen, sichtbar (zu) machen, was dahinter gestanden hat.

Der erste ist der Zeuge Jehovas Dickmann, ich muss gerade den Vornamen suchen, gleich finde ich ihn, August Dickmann, der 1939, am 15. September, im Konzentrationslager in Sachsenhausen erschossen worden ist. Er ist der erste Kriegsdienstverweigerer, der in der Nazi-Zeit erschossen worden ist. Ich bin selber Kriegsdienstverweigerer, also wissen sie, das werde ich nicht vergessen. Also, die Bereitschaft, sich zu widersetzen, die die Zeugen Jehovas ganz ohne Abstriche machen, bekenntnishaft sagen, gegenüber dem Nationalsozialismus sagen, hat mit August Dickmann den ersten Märtyrer 1939 für diese Verweigerung gefunden.

Ich möchte dann aus Bremen zitieren. Es gibt eine Arbeit, die Inge Marßollek, eine Bremer Historikerin, die an der Universität arbeitet, und die ein großes, wichtiges Buch geschrieben hat und über alles, was in Bremen während des 3. Reiches an Widerstand, an Verfolgung, auch an Anpassung stattgefunden hat. Es lohnt sich, sich das mal zu holen, das ist ein Quell, und Inge Masollek und Rene Ott haben auch ein Kapitel in diesem Buch über die Zeugen Jehovas in Bremen im Nationalsozialismus, während der nationalsozialistischen Zeit, geschrieben, und aus diesem Kapitel finden sich zwei Namen, die ich bei dieser Gelegenheit ebenfalls zitieren möchte. 

Es gab die Übung? und der Bremer Bibelforscher Gustav Dölle ist in diesem Buch zitiert worden. Er ist dafür vors Sondergericht gekommen und hat zunächst 8 Monate Gefängnis bekommen und ist anschließend, als er wieder freikam, gleich wieder von der Gestapo gegriffen worden und 10 Jahre von einem KZ zum anderen getrieben worden, und das, was ihm vorgeworfen worden ist, ist etwas, was ich so vorher noch nie gehört hatte. Er hatte wie viele andere mit ihm nur Zettel bei sich und auf diesen Zetteln stand in diesem Fall Jesaja 24:5, - Schluss - aus. Und die Idee war, dass man dann nachguckte, und dann über den Text begriff, was will er eigentlich sagen damit. Also, darum lese ich dieses Zitat vor. Jesaja 24:5 (6), und deswegen ist er verurteilt worden, Gustav Dölle, weil er das weitergegeben hat. Zitat: "Die Erde ist entweiht durch ihre Bewohner, denn sie haben die Weisung übertreten, die Gesetze verletzt, den ewigen Bund gebrochen. Darum hat ein Fluch die Erde zerfressen, ihre Bewohner haben sich schuldig gemacht." Das hat er als Zitat 'rausgesucht um damit andere ja, zu ermuntern, widerstandsfähig zu halten, zu kräftigen, nichts mehr, nichts, ohne Kommentar. Das hat diesem Mann über zehn Jahre Konzentrationslager, Haft, quälen wie wir uns das gar nicht vorstellen können, eingebracht, weil es eigentlich jeden Tag, jede Nacht, um das blanke Überleben ging und um die massive Bedrohung durch Tod und Vernichtung.

Ich wollte als dritten den Bremer Arbeiter Hans Pieper zitieren, auch ein Bibelforscher, der im August 1939 zum Landesschützenbataillon eingezogen werden sollte, der dann aus religiöser Überzeugung den Fahneneid verweigert hat und der vom Reichskriegsgericht zum Tode verurteilt worden ist, und der am 3. Februar 1940 hingerichtet worden ist. 

Drei, die für viele stehen. Ich habe mir die Zahl von 10.000 eingesperrten, gequälten, verfolgten Zeugen Jehovas gemerkt. Ein Teil davon hat überlebt, wir haben hier vorne einige (deutet auf die Zeitzeugen), man hat nicht alle umgebracht, aber eine ordentliche Zahl ist hingerichtet und umgebracht worden. Die drei stehen für dieses Zeugnis.

Ich möchte meine kurze Ansprache schließen: (nachdenklich, mit Nachdruck) Wenn die großen Kirchen sich so verhalten hätten wie in der Nazi-Zeit die Zeugen Jehovas, dann wäre es nicht zu den Massen-Morden der Nazis gekommen. Da ich zu diesen Kirchen gehöre, sage ich ihnen dieses mit Nachdenklichkeit, weil ich denke, die Zeugen Jehovas haben mit diesem Zeugnis, mit diesem Märtyrer-Zeugnis ein unübersehbares,  ja, Beispiel, vorbildliches Beispiel gesetzt, an dem die andern sich abarbeiten müssen. Das darf nicht vergessen werden, das darf nicht übersehen werden, das müssen sie bei jeder Gelegenheit versuchen, auch anderen zu vermitteln. Diese Ausstellung ist eine wunderbare Gelegenheit. Danke sehr, dass ich hier mit herkommen konnte, weil ich gerne bei dieser Gelegenheit ihnen allen auch dafür Dank sagen möchte. 

(Applaus)

Transkription: Helmut Seeger, Osterholz-Scharmbeck
 

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