aus dem Fachmagazin für Aus- und Fortbildung: Zukunft Beruf (Ausgabe 05/02/97)
Pressebüro Bergstraße, Verlagsgemeinschaft, Multring 35, 69469 Weinheim
(c) Autor und Herausgeber Andreas Müller.

Auschwitz. Endstation. Einer, der überlebte, erzählt:
"Ich hatte Mitleid mit den Nazis."
Von Sachsenhausen bis Buchenwald:
Die tragische Geschichte des Max Liebster aus Reichenbach im Odenwald

Die Nacht ist düster. Auf den Zungen der Gefangenen liegt der Geschmack verbrannten Fleisches. Menschenfleisch. In den Krematorien wird rund um die Uhr gearbeitet. Unzählige Leichen türmen sich meterhoch auf. Dunkle Wolken quellen aus den Ofen. Die Asche der Unglücklichen verteilt der Wind über das Lager. Kalter, feuchter Nebel hängt in Fetzen schwer zwischen den Baracken. Die Lichter einer Lok schneiden sich durchs Dunkel. Dutzende Viehwaggons im Schlepptau. Neue Opfer. Tausende. Und wieder Tausende. Für die Krematorien. Dort verrichtet Nummer 69733 in aller Stille seine Arbeit. Auf seinem Buckel trägt er einen alten Mann, wie ein Stück Holz. Arme und Beine baumeln mit jedem Schritt, schlagen gegen seine Hüfte. Wankend geht es an den Leichenbergen vorbei zum Ofen. Die eiserne Tür steht offen. Überall Ruß und Asche. Verkohlte Knochen; Zähne; verschmorte Eingeweide. Nummer 69733 lässt den Alten von seinen Schultern in den Staub gleiten. Die Haut spannt sich eng über das Gerippe. Die Augen liegen tief in den Höhlen. Einen Blick nur noch. Nur einen Blick in die Augen seines Vaters. Erloschen alle Funken des Lebens. Nur einen Blick noch. Einen Augenblick, um Abschied zu nehmen. Bevor die Flammen diese Augen, diesen Leib verschlingen...

Nummer 69733 ist Max Liebster. Wo die Asche seines Vaters hinkam, weiß er bis heute nicht. Vielleicht ist sie in Bickenbach begraben. Vielleicht mit Reisigbesen aus dem Lager gekehrt.

Als ich den Film Schindlers Liste sehe, erschrecke ich über die Erkenntnis, dass uns die Zeitzeugen wegsterben. Ich habe nie einen kennengelernt. Sechs Millionen Juden hat man umgebracht. Das ist eine Zahl. Aber einer der überlebte, das ist ein Schicksal. Ich wünsche mir, einem solchen Menschen zu begegnen. Drei Tage später fällt mir dieses Glück zu. Zufall ist immer etwas Gewolltes. Es ist der 24. Mai 1997. Als Journalist bin ich in die Weinheimer Stadthalle geladen. Die Zeugen Jehovas sind der Aufforderung von Bundespräsident Roman Herzog nachgekommen, anlässlich des Gedenkens an den 52. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz sich der Opfer zu erinnern. Die Veranstaltung dokumentiert die Verfolgung der Zeugen unter dem NS-Regime. "Allen Opfern haben wir Ehre zu erweisen", sagt Weinheims Oberbürgermeister Uwe Kleefoot. Und er spricht mutig Worte aus, die nachdenklich stimmen: "Ich vermag heute nicht zu sagen, auf welcher Seite ich damals gestanden wäre. Hätte ich zu den Tätern oder den Opfern gehört.? Hätte ich Widerstand geleistet oder wäre ich Mitläufer gewesen? Es ist aus der heutigen Situation schwer zu wissen, wie man sich damals unter völlig anderen Voraussetzungen entschieden hätte."'

Im Nachhinein ist es immer leicht, mit Fingern auf andere zu zeigen; sie an den Pranger zu stellen für ihr Fehlverhalten. Max Liebster, in Reichenbach im Odenwald geboren, könnte es tun. Doch er hat vergeben. Die Nummer 69733 ist ein schmächtiger Mann mit lebendigen Augen und schlohweißem Haar. Klar, kurz und sachlich erzählt er in der überfüllten Stadthalle, was er als Jude in den Konzentrationslagern erlebte, wie er Christ wurde und zu den Zeugen kam. Die Menge schweigt betroffen. Viele haben mit den Tränen zu kämpfen. Seine Erlebnisse sind in Amerika dokumentiert und verifiziert. Nicht aber in Deutschland. Als ich ihm die Hand drücke, stockt mir der Atem. Ich berühre lebendige Geschichte. Und ich danke Gott dafür. Zum ersten Mal sehe ich eine KZ-Nummer auf dem Unterarm eines Menschen. Unsägliches Leid ist mit fünf Zahlen tätowiert. Max Liebster ist bereit, für den Hörfunk und für unser Magazin seine Geschichte dokumentieren zu lassen. Für den 82jährigen Mann und für seine liebevolle Gattin Simone eine enorme körperliche, geistige und vor allem emotionale Belastung, denn am nächsten Tag sitzen wir mehrere Stunden zusammen. Ich will jedes Detail wissen; die ganze Geschichte, auch, wenn es mir die Kehle zuschnürt. Ich lausche gebannt, als er zu erzählen beginnt: "Ich bin der Liebster, Max; geboren in Reichenbach..."'

Aufgezeichnet von Andreas Müller

[ hier ] klicken... nächste Seite ....
 

START | FORSCHUNG | MEDIEN | EVENTS | INFOS
-  © 2000 by STANDHAFT.ORG -