Quelle: Harz Kurier, Mittwoch, 17.November 1999

ZEUGEN JEHOVAS
Verweigerung noch im KZ

Die Verfolgung der Zeugen Jehovas im Drittem Reich war Thema der Veranstaltung "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten" am Montag im Alten Rathaus.

GÖTTINGEN · Der Friseur Hans Gärtner wurde 1937 ins KZ Dachau eingeliefert. Dort begann ein Martyrium, das drei Jahre dauerte. Weil er um ein Stück Brot gebeten hatte, schnitt ihm ein Wachmann einen Finger ab. Schließlich ließ man ihn einfach verhungern, bei seinem Tod wog er noch 40 Kilo. Der Grund für diese Strafen: Hans Gärtner gehörte den Zeugen Jehovas an.

Die Glaubensgemeinschaft, die sich damals noch "Ernste Bibelforscher" nannte, war im Dritten Reich massivster Verfolgung ausgesetzt, weil ihre Mitglieder den "Deutschen Gruß" und die Mitgliedschaft in den NS-Massenorganisationen ablehnten. Vor allem aber verweigerten die männlichen Mitglieder aus religiösen Gründen den Kriegsdienst. Das stufte der faschistische Staat als ernste Bedrohung ein und reagierte zunächst mit einem Verbot dieser Religion wegen "Hetze gegen staatliche Einrichtungen" und "bolschewistischer Zersetzungsarbeit". Und schließlich mit gnadenloser Verfolgung: Im 3. Reich waren die Zeugen Jehovas nach den Juden die religiöse Gruppe mit den anteilsmäßig meisten Opfern: Allein 1200 deutsche Tode, davon rund 250 Wehrdienstverweigerer, hatten sie zu beklagen.

Erschossen, erhängt, zu Tode geprügelt, oder, wie Hans Gärtner, schlicht verhungert. 10 000 Zeugen Jehovas kamen ins Gefängnis, 2000 ins KZ. Selbst dort folgten sie oft noch ihrem Gewissen und verweigerten trotz drakonischer Strafen die Mitarbeit in der Rüstungsindustrie, was den Mitgefangenen Respekt abnötigte: "Am mutigsten waren immer wieder die Zeugen Jehovas" ist deshalb der Titel eines Sammelbands, in dem vom Historiker, Hans Hesse und  seinem Mitautoren Martin Guse (Hannover) die Verfolgung dargestellt wird.

Die beiden Autoren lassen im Rahmen der Veranstaltungsrehe "Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus - 27. Januar", veranstaltet von den Zeugen Jehovas mit dem Kulturamt und der Buchhandlung Wortmann, Texte aus ihrem Buch, die von den Ereignissen und Erlebnissen aus dieser Zeit berichteten. Und dazwischen, als Kontrast, immer wieder der einzelne Artikel aus der Deklaration der Menschenrechte.

Was aus Würde und Rechten der Menschen nationalsozialistischen Staat wurde, ist bekannt. Man vergisst jedoch leicht, und auch dran erinnerte diese Lesung, dass nicht lediglich "der Staat" an der Verfolgung beteiligt war. Ohne die Denunziation der "Volksgenossen", häufig auch aus materiellen Interessen, wäre dieses Ausmaß der Verbrechen nicht möglich gewesen.

Siehe auch:

"Am mutigsten waren immer wieder die Zeugen Jehovas" - Hans Hesse (Hrsg.)
Buchbeschreibung

Hitlergruß standhaft verweigert
Weser Kurier 9.3.99 - Bericht über den Dokumentationsband 
von Hans Hesse "Am mutigsten waren immer die Zeugen Jehovas"

Rezension in Die Zeit, Nr. 33, 12. August 1999

Opfer-Randgruppe
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Dienstag, 26. Oktober 1999

»Am mutigsten waren immer wieder die Zeugen Jehovas«
Montag, 15. November 1999, Göttingen

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Rezension bei H-SOZ-U-KULT

www.Hans-Hesse.de
persönliche Homepage des Historikers Hans Hesse. Neben seinen Aufsätze und Vorträgen sind Informationen zu folgenden Themen zu finden: Konzentrationslager Moringen, Jehovas Zeugen unter dem NS Regime, Sinti und Roma ...

 

 

 
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