Hans-Werner Kusserow
Der lila Winkel
Die Familie Kusserow: Der authentische Bericht eines Zeitzeugen

WDR 3 Hörfunk-Sendebeiträge.
"Mosaik", Informationen aus der Kultur, vom 6.Mai 2003 (8:05 – 9:00 Uhr)
An zweiter Stelle wurde folgende Buchbesprechung gesendet.

Im Visier der Nazis II.

Hans Werner Kusserow hat als Kind miterlebt, wie seine Familie, die den Zeugen Jehovas angehörte, vom NS-Regime verfolgt wurde. In einem Buch schildert er sein Schicksal.

Hans Werner Kusserow Der lila Winkel – Die Familie Kusserow.
ISBN: 3-00-010572-7 Köln 2003. € 14,90
KMS Selbstverlag –
Hans Werner Kusserow
Konrad-Hausmann-Str. 26
50767 Köln
Tel./Fax: (0221) 5 90 35 50

Moderation: Rüdiger Becker.
Guten Morgen. Im Studio begrüßt Sie Rüdiger Becker.
Alles neu macht der Mai, leider auch 1933 auf brutale Weise. In diesen Tagen, genau vor 70 Jahren begann das Hitler-Regime damit, seine Ankündigungen in die Tat umzusetzen und das geistige Leben in Deutschland abzuschnüren. Kritische Stimmen wurden zum verstummen gebracht. Alle Denkansätze, die nicht in die Schablonen der Nationalsozialisten paßten, waren unerwünscht. ... An ein düsteres Kapitel aus dieser Zeit wollen wir heute erinnern. An die grausame Verfolgung einer religiösen Minderheit, der Zeugen Jehovas. ...
(In den Konzentrationslager mußte diese Gruppe von Gefangenen einen lila Winkel tragen.)
Eine Gruppe, die ihnen wegen ihrer konsequenten religiösen Haltung, die Gottes Wort vor jede staatliche Ordnung stellt, von Anfang an suspekt war. Über diese Opfergruppe ist immer noch wenig bekannt. ... Mehr als 10000 der rund 25000 deutschen Zeugen Jehovas wurden verfolgt und mißhandelt, rund 1400 verloren dabei ihr Leben. Hans Werner Kusserow hat das als Kind hautnah mitbekommen. Seine Familie hat sich dieser Religionsrichtung verschrieben und geriet ins Visier der Nazis. In einem Buch hat er seine Erinnerungen festgehalten. Eine Geschichte von Terror und Verfolgung, aber auch von Aufarbeitung und Versöhnung. Peter Sauer stellt das Buch vor.

Peter Sauer:
"Der Bochumer Soldat Franz Kusserow überlebt den ersten Weltkrieg, weil eine Kugel am Ring seiner Uhrkette hängen bleibt. Fortan macht er sich viele Gedanken über den Sinn des Lebens und will Gott danken. Plakate an verschiedenen Litfaßsäulen sprechen ihn 1921 so aus der Seele, daß er die Vorträge der sogenannten Bibelforscher besucht und dort Mitglied wird. Die Glaubensgemeinschaft nennt sich ab 1931 Zeugen Jehovas.
Mit seiner Familie zieht Franz Kusserow nach Bad Lippspringe um das Paderborner Land zu missionieren und religiöse Bücher und Zeitschriften zu publizieren. Der zweitjüngste Sohn, Hans Werner Kusserow, zeichnet in seinem Buch seine Kindheit zwischen Hausmusik, Tierställen und Obstwiesen sehr idyllisch nach und gibt dem Leser ungewohnt intime Einblicke durch private Fotos und Skizzen. Hitlers Machtergreifung setzt diesem Leben jäh ein Ende. Die dreizehnköpfige Familie erlebt rund 20 Hausdurchsuchungen der Gestapo. Obwohl 1936 die Massenverhaftungen von Zeugen Jehovas einsetzen, übt die Familie Kusserow, ihrem Glauben folgend, den kollektiven Widerstand. In einem offenen Brief werden Einzelheiten über die Verfolgung enthüllt, Namen von Beamten, Zeitpunkte und Orte der Verhaftungen. Die gesamte Familie macht mit. Auch der damals neunjährige Hans Werner Kusserow."

Hans Werner Kusserow:
"Meine Schwester hatte entsprechende Adressen gesammelt. Da wir eine große Familie waren, haben wir die ganzen Briefe sortiert, ‚eingesackt' und nachher verteilt. Bei der Bearbeitung haben wir uns Handschuhe angezogen, um keine Fingerabdrücke zu hinterlassen. Mein Bruder Siegfried hatte sich Schweinslederhandschuhe angezogen. Sein Kommentar war dann: ‚Da wird die Gestapo sich aber wundern. Die werden meinen, da hätten Schweine die Briefe eingepackt.' Wenn die Polizei kam, haben wir Kinder die in Taschen verpackte Literatur, die im Haus bereit stand, schnell geschnappt und sind raus in den Garten gegangen und haben sie erst mal in Sicherheit gebracht. Die Polizei hat dann im Haus weitergesucht. Unter den Wohnzimmerdielen lagen mindestens 400 Bücher, Zeitschriften usw. Da sind die Polizisten immer wieder drüber gegangen. Aber diese Literatur haben sie bis zum Ende des Krieges nicht gefunden."

Peter Sauer:
"Dennoch, der Vater wird 1938 verhaftet. Die Mutter und die fünf älteren Geschwister kommen wenig später ins Gefängnis oder in Konzentrationslager. Hans Werner Kusserow wird mit seinen beiden jüngeren Geschwistern in Nationalsozialistische Erziehungsheime gesteckt."

Hans Werner Kusserow:
"In der Schule haben wir den Hitlergruß verweigert. Unsere Eltern hatten uns so erzogen, daß ein ‚Heil' nur von Gott und nicht von Menschen kommen kann. Wir haben auch viel die Bibel studiert, deswegen haben wir das verweigert. In einigen Schulen hat man das übersehen, aber in der Bad Lippspringer Schule war ein so fürchterlicher Lehrer, der das als Anlaß genommen hat, uns regelrecht zu peinigen. Er hat uns als sittlich und geistig verwahrlost angezeigt, so daß wir in ein Erziehungsheim kamen."

Peter Sauer:
Dort erleben sie physische und psychische Mißhandlungen und erfahren, wie ihr Bruder Wilhelm, später auch ihr Bruder Wolfgang hingerichtet werden, weil beide aus religiöser Überzeugung den Dienst an der Waffe verweigerten. Eine Stärke des Buches liegt darin, anhand von Originaldokumenten zu zeigen, wie der NS-Apparat zum Beispiel diese Hinrichtungen ideologisch umzudeuten versuchte."

Hans Werner Kusserow:
"Kurz darauf bekam meine Mutter noch eine Ehrenurkunde vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Da stand auf der zweiten Seite: ‚Er gab sein Leben für Führer und Volk im Schicksalskampf Großdeutschlands. Gefreiter Wilhelm Kusserow'. Das war also für meine Mutter und für uns Angehörigen der größte Hohn."

Peter Sauer:
"Trotz aller Strapazen und allem Leid hält die Familie zusammen und bleibt ihrem Glauben treu. Das zeigt sich auch in den Nachkriegsjahren, als die Überlebenden ihre ehemaligen Peiniger, die Amtsrichter, Lehrer und Heimleiter zu Hause aufsuchen und sie mit ihrer Geschichte konfrontieren. Die Gespräche sind jedoch nicht von Mitleid oder Haß geprägt, sondern bleiben sachlich und ruhig. Diese Stimmung überträgt sich auch auf das Buch. Durch seinen einfachen und nüchternen Erzählstil ohne Platitüden und Appelle bringt der 74jährige Autor dem Leser ein bislang unbeleuchtetes Kapitel des gewöhnlichen Faschismus so nah, wie in einem persönlichen Gespräch. Er nimmt sich die Zeit, die Banalitäten des Familienaltages so intensiv zu beschreiben, wie die Verfolgungen durch den NS-Apparat und gewährt so einen objektiven Einblick, der ihn von vielen anderen Zeitzeugenberichten wohltuend unterscheidet. Als Leser hat man oft den Eindruck, mitten im Geschehen zu sein und spürt Veränderungen und Einbrüche in der Familie, etwa wenn die Kinder die Hausdurchsuchungen durch die Gestapo zunächst für ein Spiel halten und erst allmählich den Ernst der Lage begreifen. So veranschaulicht das Buch auch sehr plastisch den schleichenden, aber greifbaren NS-Terror im Alltag einer Familie. Um so mehr überrascht bei der Lektüre, wie sehr sich Hans Werner Kusserow bis heute seinen Optimismus bewahrt hat.

Hans Werner Kusserow:
"Man darf sich selbst nie aufgeben - nach jedem tiefen Tal kommt eine Höhe - nach Kummer kommt Glück und - nach Verzweiflung die Zuversicht. Das war es, was mich in meinem ganzen Leben – bewußt oder unbewußt – begleitet hat."

Moderator Rüdiger Becker:
Hans Werner Kusserow hat sein Buch selbst verlegt. Dieses Buch ist im KMS Verlag, Köln erschienen und kostet 14,90 EURO. Zu beziehen ist es über Buchhandlungen. Sie können die Bestellnummer aber auch über unser Hörertelefon erfahren bezw. auf unserer Internetseite nachlesen. Dort finden Sie auch noch weitere Informationen und Kontaktadressen, wenn Sie sich informieren wollen über das Schicksal der Zeugen Jehovas im Dritten Reich.

Das Buch kann auch direkt beim Autor bestellt werden.
Der lila Winkel – Die Familie Kusserow.
ISBN: 3-00-010572-7 Köln 2003. € 14,90
Hans Werner Kusserow – KMS Verlag,
Konrad-Hausmann-Straße 26
50767 Köln

siehe auch:

Biographie Familie Kusserow
weitere Informationen

Informationen zu dem gleichnamigen Video

 

233 Seiten.
110 Abbildungen
Softbook mit Lesezeichen.
ISBN: 3-00-010572-7
Köln 2003
KMS Selbstverlag

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tel / fax (0221) 5 90 35 50
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