Widerstand aus christlicher Überzeugung
Jehovas Zeugen im Nationalsozialismus
Dokumentation einer Tagung - Wewelsburg Band I

Wer kennt sie nicht? Jehovas Zeugen, die an den Haustüren klingeln und über ihren Glauben sprechen möchten oder stundenlang mit einer Wachtturm-Ausgabe in der Fußgängerzone stehen. Dass die Angehörigen dieser Religionsgemeinschaft im Nationalsozialismus diskriminiert, verfolgt und in großer Zahl ermordet wurden, ist in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Erst in den letzten Jahren rückten die Zeugen Jehovas als Opfer des Nationalsozialismus in den Blickpunkt der Forschung. Die Religionsgemeinschaft selbst hat mittlerweile die Initiative ergriffen, um auf die Verfolgung ihrer Glaubensschwestern und -brüder aufmerksam zu machen. Vor diesem Hintergrund entstand die Idee einer wissenschaftlichen Bestandsaufnahme zur Rolle der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus. Am 4. Oktober 1997 veranstaltete das Kreismuseum Wewelsburg, Büren-Wewelsburg (Kreis Paderborn), in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, und dem Fritz Bauer Institut, Frankfurt, eine Tagung.

Zu Beginn wurde über den derzeitigen Forschungsstand berichtet. Bereits 1933 wurde die Glaubensgemeinschaft der rund 30.000, damals noch "Ernste Bibelforscher" genannten Zeugen Jehovas im Deutschen Reich verboten. Da sie sich aus Glaubensgründen weigerten, sich in die "deutsche Volksgemeinschaft" einzuordnen, wurden rund 10.000 von ihnen zu Gefängnisstrafen abgeurteilt; rund 2.000 von ihnen wurden seit Mitte der 1930er Jahre in Konzentrationslager eingeliefert. Auch Zeuginnen Jehovas litten zunehmend unter der Verfolgung des NS-Regimes. Zu den ca. 1.200 Todesopfern der Glaubensgemeinschaft gehören auch die über 250 Pazifisten aus den Reihen der Zeugen Jehovas, die im Krieg hingerichtet wurden. Im Verlauf der Tagung wurden aber auch offene Forschungsfragen aufgezeigt. So ist u.a. der gesamte Bereich der sozialen und wirtschaftlichen Repressionen unzureichend erforscht. Allein die Verweigerung des "Hitler-Grußes" führte häufig zum Verlust des Arbeitsplatzes und damit zwangsweise in die Verarmung. Kinder wurden aus den Familien gerissen und in NS-Erziehungsheime gebracht. Auch bedarf das Schrifttum der Wachtturm-Gesellschaft intensiver Untersuchung. Die bereits 1933 verbotenen Schriften der Religionsgemeinschaft wurden weiterhin aus dem Ausland eingeführt und vervielfältigt.

Das abschließende Podiumsgespräch stellte unterschiedliche Sichtweisen auf die Glaubensgemeinschaften im "Dritten Reich" aus heutiger Perspektive heraus. Ein zentrales Ergebnis dieser Tagung, die allein den wissenschaftlichen Diskurs über die Zeugen Jehovas, sondern auch das Gespräch mit ihnen suchte, war der tolerante Umgang zwischen Forschungseinrichtungen, Träger der öffentlichen Bildung, den Angehörigen der Religionsgemeinschaft und ihren Kritikern.

 

Klartext Verlag, Essen, 1998
ISBN 3-88474-670-7
4. überarbeitete Auflage,
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